Augsburger Kreis fordert: „Europa in die Bayerische Verfassung!“

(DN) Der Augsburger Kreis der Paneuropa Jugend Deutschland e.V. an die Bayerische Staatsregierung vor dem Hintergrund der Ausgestaltung ihrer Bildungspolitik, ihrer historisch-proeuropäischen Linie folgend, die Erziehung zur bewussten Erkenntnis des eigenen Europäer-tums aller Bayern zu stärken, damit diese Erkenntnis wie die Erinnerung an die Flüchtlinge bei Sopron wieder ins kollektive Gedächtnis der Bayern zurückkehren kann.
 
 

EUROPA als bayerisches Bildungsziel

„Es gilt ein Denken und eine Bewußtseinshaltung zu schaffen, aus denen heraus man begreift,
daß wir nur dann Franzosen, Deutsche, Italiener, Engländer und was auch immer bleiben können, wenn wir [….]Europäer werden.“
F.J. Strauß, Herausforderung und Antwort, 1968, S. 205
 
Vor 25 Jahren, am 19. August 1989, sickerten beim Paneuropäischen Picknick nahe Sopron in Ungarn knapp 700 Menschen durch den vormals unüberwindbar geglaubten Eisernen Vorhang. Eine Masche werde reißen, prophezeite 10 Jahre zuvor der bayerische Europaabgeordnete Dr. Otto von Habsburg-Lothringen und die europäische Teilung werde Geschichte sein. Sie riss. Etwas mehr als ein Jahr später war Deutschland vereint. Bayern lag plötzlich wieder an seinem historisch angestammten Platz: in der Mitte Europas. Nach und nach wuchs Europa zusammen und emanzipierte sich unter Mithilfe vieler großer bayerischer Europapolitiker. Von den Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß und Alfons Goppel , über Dr. Otto von Habsburg-Lothringen bis zu Dr. Ingo Friedrich haben bayerische Politiker dazu beigetragen, Europa zu stärken.

Institutionell-rechtlich hat Europa in der Europäischen Union das Erbe des Heiligen Römischen Reiches angetreten. Im Zuge des Europawahlkampfes 2014 aber trat, 25 Jahre nach dem Paneuropäischen Picknick, eine Erkenntnis zu Tage: Die meisten Bürger verbinden mit Europa negativ verkürzte, beziehungsweise falsch dargestellte Schlagworte wie die „Gurkenkrümmung“ für eine vermeintliche Regelungswut der Europäischen Union oder „Rettungsschirme“ für eine vermeintlich falsch verstandene Solidarität. Sie wissen kaum etwas von der Friedens- und Versöhnungssidee Europas. Sie wissen kaum etwas vom gemeinsamen geistig-rechtlich-kulturellen Hintergrund, auf dem die moderne abendländische Kultur erwuchs, die uns beispielsweise vom Nahen Osten oder Asien unterscheidet. Und sie wissen kaum etwas von den wirtschaftlichen Vorteilen eines Binnenmarktes. Sie wissen nicht um Europa. Sie sind anfällig für Populismus.

Darum appelliert der Augsburger Kreis der Paneuropa Jugend Deutschland e.V. an die Bayerische Staatsregierung vor dem Hintergrund der Ausgestaltung ihrer Bildungspolitik, ihrer historisch-proeuropäischen Linie folgend, die Erziehung zur bewussten Erkenntnis des eigenen Europäer-tums aller Bayern zu stärken, damit diese Erkenntnis wie die Erinnerung an die Flüchtlinge bei Sopron wieder ins kollektive Gedächtnis der Bayern zurückkehren kann. 

Wir, der Augsburger Kreis der PEJ, regen daher an:

I. Der bayerische Staatsminister für Kultus und Bildung setzt sich im Bereich der schulischen Bildung für eine europaweite Ergänzung der bestehenden Geschichtsbücher ein und zwar in der Form reziproker GRENZBETRACHTUNGEN. Die Träger der Bildung auf beiden Seiten der Grenze (bei einem Projekt mit Tschechien auf deutscher Seite beispielsweise Sachsen und Bayern) erarbeiten ein Kompendium, welche die wichtigsten Themen der dt.-tsch. Grenzgeschichte aus europäischem Blickwinkel betreffen. Dann werden die beiden Kompendien angeglichen und in einer bilingualen Version analog zum dt.-franz. Lehrbuch den bayerischen, sächsischen und tschechischen Lehrbüchern angehängt. Analog könnten beispielsweise Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern mit Polen, Schleswig-Holstein und Hamburg mit Dänemark usw. verfahren, beziehungsweise  Ungarn mit Rumänien, Österreich mit Italien usw.. Am Ende stände eine interessante Sammlung europäischer Grenzbetrachtungen in allen Europaregionen, die vom bayerischen Vorbild inspiriert wären und, in die jeweiligen Sprachen der Staaten übersetzt, gesammelt auch veröffentlicht werden könnten. Mit einem solchen Projekt wäre viel für die Verständigung zwischen denVölkern und zum Abbau von nationalen Stereotypen getan, was dem Bildungsziel der Liebe zur Heimat ebenso entspräche, wie der Erziehung zur Völkerverständigung. Über die Ebene der EU hinaus wäre ein solches Konzept beispielsweise auch auf den Balkan exportierbar, um dort nachhaltig Frieden und Versöhnung unter den Völkern zu sichern.

II. Der bayerische Staatsminister für Kultus und Bildung setzt sich im Bereich der schulischen Bildung in Zusammenarbeit mit seinen deutschen und europäischen Kollegen dafür ein, dass für die Schulfächer Kunst und Musik ein EUROPÄISCHER KANON erarbeitet wird, der in allen Staaten der EU gelehrt wird. Kulturgeschichtlich existiert in Europa in weiten Teilen nur eine gemeinsame Geschichte, deren Ursprünge die gleichen sind, die sich über ganz Europa erstreckt, oder deren Ausprägungen sich zumindest aufeinander beziehen. Darum sollte vor allem in den Fächern Kunst und Musik ein europaweiter Kanon unterrichtet werden, der den Schülern von Portugal bis Litauen einen Austausch über die gemeinsame Kulturgeschichte erlaubt.

III. Der bayerische Staatsminister für Kultus und Bildung setzt sich im Bereich der schulischen Bildung in Zusammenarbeit mit seinen deutschen und europäischen Kollegen dafür ein, dass für die so genannten MINT-Fächer europaweit die Abfolge der Lerninhalte angeglichen wird, da sie vor dem Hintergrund der europäischen Grundrechte auf Bildung und Freizügigkeit zur Fachkräftegenerierung/Arbeitslosigkeitsminderung und zur Schaffung eines verbesserten, erfolgreichen europäischen Arbeitsmarktes beitragen. Zwar ist es durch die Pluralität der Ausbildungssysteme und ihrer Schularten in Europa nicht möglich, den Umfang an Inhalt und Tiefe der europäischen Lehrpläne zu synchronisieren, jedoch wäre schon der Versuch den Lernablauf („In welcher Jahrgangsstufe lerne ich was?“) anzugleichen, um zumindest in den naturwissenschaftlichen Fächern die Hürden für einen Wechsel des Wohnortes innerhalb der EU zu erleichtern,gewinnstiftend.

IV. Der bayerische Staatsminister für Kultus und Bildung setzt sich im Bereich der beruflichen Bildung in Zusammenarbeit mit seinen deutschen und europäischen Kollegen dafür ein, regional-existente Initiativen, die dem Austausch von Auszubildenden nach AIESEC-Vorbild oder dem Export des dualen Ausbildungssystems nach deutschem Vorbild dienen, zu fördern, da sie vor dem Hintergrund der europäischen Grundrechte auf Bildung und Freizügigkeit zur Fachkräftegenerierung/Arbeitslosigkeitsminderung und zur Schaffung eines verbesserten, erfolgreichen europäischen Arbeitsmarktes beitragen.
 
V. Der bayerische Staatsminister für Kultus und Bildung setzt sich im Bereich der medialen Bildung in Zusammenarbeit mit seinen deutschen und europäischen Kollegen dafür ein, dass eine öffentlich-rechtliche, europäische Rundfunkanstalt ins Leben gerufen wird, um einer europäischen Öffentlichkeit Vorschub zu leisten. Eine solche Sendeanstalt soll steuer- beziehungsweise beitragsfinanziert sein (z.B. 50 Cent von 17,95 Euro Rundfunkbeitrag in Deutschland) und selbst lediglich Nachrichten, Magazin-Beiträge und Diskussionsformate in englischer Sprache produzieren. Zudem sollen Produktionen der nationalen Rundfunkanstalten der EU-Staaten in der Originalsprache der Produktionen ausgestrahlt werden, die mit verschiedenen Untertiteln versehen werden. So wird nicht nur eine gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit, wie sie in Ansätzen aus den Europawahlkämpfen bekannt ist, gefördert, sondern auch die Kenntnis über andere Kulturen und das Verständnis dieser.
 
VI. Der bayerische Staatsminister für Kultus und Bildung setzt sich ferner dafür ein, dass Art. 131 Abs. 3 der Bayerischen Verfassung ergänzt wird um das Bildungsziel „Europäertum“ als einem, vor der europäischen Religions-, Rechts-, Kultur- und Geistes geschichte sowie der heutigen Lebensrealität der Menschen grundlegenden Wert. Die Neufassung soll lauten:
 
„(3) Die Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk als Europäer im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen.“
 
Durch die Förderung von Völkerverständigung, wirtschaftlicher Prosperität, kultureller Bildung und der gemeinsamen europäischen Identität mit der Umsetzung dieser Punkte käme dem Freistaat Bayern eine Vorreiterrolle zu, die das Ansehen des Freistaates in Europa noch weiter steigern würde. Wir würden uns als Paneuropajugend darüber freuen.
 
Stv. für den Augsburger Kreis der PEJ Deutschland
Franziskus Posselt, Bundesvorsitzender der PEJ Deutschland
Christian Hofer, Landesvorsitzender PEJ Bayern
Daniel Nagl, M.A., Bundespressesprecher PEJ Deutschland
 
 
Augsburg, den 24. August 2014
 

Bilder vom Treffen des Augsburger Kreises 2014