28. Further Seminar: „Paneuropa und seine Identität“

Das 28. Further Seminar der Paneuropa­Jugend Bayern fand unter dem Thema „Die Nation ist ein Reich des Geistes ­ Paneuropa und seine Identität“ von Freitag, den 20. November 2015, bis Sonntag, den 22. November 2015, statt.

 

Furth im Wald/Pilsen (CH) Herzlich begrüßt wurde die Paneuropa-­Jugend in Furth im Wald durch den dritten Bürgermeister Herr Former. Einleitend in die Thematik des Seminars skizzierte Herr Former auf dem Empfang im Rathaus die Geschichte der Stadt und ging dabei vor allem auf die partnerschaftliche Beziehung der Grenzregion zu Tschechien ein. Er betonte die Wichtigkeit des gegenseitigen Austausches, welcher nicht nur auf den wirtschaftlichen Bereich zu begrenzen sei. Leider war dieser nicht immer möglich. Der Bürgermeister schilderte unter anderem von schrecklichen Todesfällen an der Grenze zur Zeit des Kalten Krieges. Umso dringlicher ist der Appell nach offenen Grenzen zu verstehen, um immer weiter an der nationenübergreifenden Freundschaft zu arbeiten und sie weiter festigen zu können. Die Stadt pflegt intensiv ihre Beziehung zu Partnerstädten, unter anderem zu Domazlice in Westböhmen.

Auf Herrn Formers Willkommensworte folgte die Begrüßung durch den Landesvorsitzenden der Paneuropa­Jugend Bayern, Christian Hoferer: „In diesen Tagen steht Europa am Scheidepunkt“, leitete er ein. Mit Blick auf die momentanen Diskussionen um die Bewältigung der Flüchtlingskrise warnte er ausdrücklich vor einem Zerfall der Europäischen Union. Es gebe aber eine bessere Alternative: Die Rückkehr zu einem gemeinsamen Europa – die Übertragung von Kompetenzen auf die Europäische Gemeinschaft. Dass das Mut erfordere, sei allen klar. So forderte er ein einheitliches europäisches Asylrecht mit Prüfung der Anträge innerhalb und außerhalb der EU. Ebenso plädierte er für eine europaweite Verteilung der Flüchtlinge nach Quoten. Mit Blick auf Arabien und Afrika brauche es endlich eine klare Strategie der EU. Außerdem solle dafür gesorgt werden, dass die Außengrenzen der Europäischen Union durch einen echten und wirksamen europäischen Grenzschutz gesichert werden, dessen Beamte aus allen Mitgliedssaaten der Europäischen Union rekrutiert werden und der dem Europäischen Parlament unterstehe. Andernfalls würden die Europäer Freiheit und Sicherheit zugleich verlieren. Eine Umzäunung der einzelnen Nationalstaaten im Inneren Europas löse die Probleme jedenfalls nicht. Ausdrücklich warb Hoferer für eine Besinnung auf die eigenen europäischen Wurzeln. Dann brauche man auch eine vermeintliche „Islamisierung“ des Kontinents nicht zu fürchten: „Jedenfalls können die Muslime nichts dafür, dass die Christen in Deutschland kaum mehr in die Kirchen gehen.“ Stattdessen müssten sich die Christen wieder mehr als Christen behaupten.

Der nächste Tag wurde durch die Landesversammlung der Paneuropa­Jugend Bayern eingeleitet. Programmpunkte bestanden unter anderem aus dem Resümee des Jahresfortgangs und der Wahl des Landesvorstandes. Die Grundlagen des europäischen Rechts wurden im Anschluss durch einen Vortrag des Generalanwalts am Gerichtshof der Europäischen Union Prof. Alber beleuchtet, welcher zudem als Abgeordneter und Vizepräsident des Europäischen Parlaments fungierte und als Honorarprofessor für Europarecht an der Universität Saarbrücken tätig ist. Mit humoristischen Einschüben skizzierte er die Herausforderungen des europäischen Rechts, welches die Grundlage unserer Europäischen Union darstellt. Er forderte zudem auf, die Schuld an Fehlern in Bezug auf die Bewältigung von Problemen nicht bei der Europäischen Union zu suchen, sondern beim Autonomiebestreben der einzelnen Mitglieder, welche der Europäischen Union teilweise ungern Kompetenzen abtreten. Dies wäre allerdings beispielsweise für die kontrollierte Einreise von Flüchtlingen notwendig. Solchen Herausforderungen müsse gemeinsam begegnet werden. Die Europäische Union sollte also nicht nur ein Wirtschaftsraum sein, wie es in Vorgänger­verbünden der Fall war, sondern solle durch einen gemeinsamen europäischen Geist, welcher unter anderem von den gemeinsamen christlichen Wurzeln geprägt ist, als Einheit auftreten und so Konflikten gewachsen sein. Hierfür wäre eine Art Bundesstaat auf europäischer Ebene erstrebenswert, da ein loser Staatenbund zu schwach für eine stärkere gemeinsame Politik wäre. Einige der europäischen Mitgliedsstaaten würden hierbei allerdings einen zu großen Autonomieverlust fürchten, sodass sie sich selbst bei der Umbenennung der bindenden Verordnungen und Richtlinien in den Weg stellen. Jede Kompetenzabtretung von nationaler zu europäischer Ebene müsse einzeln gestattet werden. Die europäischen Verordnungen und Richtlinien haben zudem nur Anwendungsvorrang, das bedeutet nationales Recht wird nicht durch europäisches ungültig, sondern kann lediglich nicht zur Anwendung kommen. Neben diesen Fragen der Kompetenzabtretungen und der konkreten Ausformung der Europäischen Union, muss auch die Frage nach dem Bild des Europäers gestellt werden. Die Einheit kann nicht auf Basis einer gemeinsamen Sprache definiert werden, wohl aber auf einem gemeinsamen europäischen Geist und auf gemeinsame kulturelle Wurzeln der christlich-abendländischen Kulturgemeinschaft. Prof. Alber betont zudem die Alternativlosigkeit einer Europäischen Gemeinschaft, möchte man in Europa an der Weltpolitik und ­wirtschaft teilhaben. Die künstlich geschaffenen Nationen führten, wie man anhand der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts feststellen kann, immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen, welche ihren traurigen Höhepunkt im Ersten und Zweiten Weltkrieg erreichten. Deshalb müssen sich die Europäer ihrer europäischen Identität bewusst werden, gemeinsam die Herausforderungen der Zeit angehen und der Europäischen Union Kompetenzen zum Agieren zugestehen.

Im Anschluss ging Dr. Dirk H. Voß, Vorsitzender der Paneuropa­Union Bayern und internationaler Vizepräsident der Paneuropa­Union, noch näher auf den europäischen Geist und die europäische Identität in seinem Vortrag „Coudenhove­Kalergi und der europäische Patriotismus“ ein. Hierbei wurde natürlich auch der Vordenker des paneuropäischen Gedankens Coudenhove-Kalergi in den Blickpunkt genommen. Um die europäischen Werte in den Fokus zu nehmen, ist es wichtig sich vorher die Identifikationsmomente der einzelnen Nationen anzusehen. Aufgrund des Konstruktcharakters fällt die Definition von „Deutschtum“ nicht leicht. Die Nation an sich wurde schon zu Beginn der Nationalstaatswerdung unterschiedlich verstanden. Während der französische Begriff alle Menschen miteinschloss, welche auf französischem Staatsgebiet lebten und dem französischen Monarchen Steuern entrichteten, ging es den deutschen Nationalisten um „Blut und Boden“. Dass diese Auslegungen einem Wandel unterworfen sind, der beispielsweise durch Integration verursacht wird, welche auf Basis des Sprachkompetenzerwerbs vonstattengehen kann, ist nicht verwunderlich. Aber auch die Werte spielen eine große Rolle, sodass man sich, blickt man wieder auf Europa, nach deren Wertegemeinschaft fragen muss. Der Individualismus der Nationen und die Menschenrechte, welche der Idee der Französischen Revolution und ihrer Forderung nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ entsprangen, bilden die Säulen Europas. Es ist allerdings kein Geheimnis, dass dieser Individualismus im Lauf der Geschichte nicht nur förderlich war, sondern auch zahlreiche Kriege heraufbeschworen hat. Diese Individualismen müssen daher unter einem geeinten Europa zusammengebracht werden ­ eine Idee, welche von Coudenhove-­Kalergi stammt und so aktuell wie eh und je ist. Diese Einigung soll den Frieden sichern, da „der Krieg das Ende von Allem“ bedeutet. Manchmal wird der Europäischen Union vorgeworfen, nicht schnell genug zu handeln und zu lange zu diskutieren, man muss sich dabei allerdings fragen, welche friedliche Alternative man zu Verhandlungen hat, um zu Kompromissen und Einigungen zu kommen. Herausforderungen, wie die Terroranschläge auf Paris, müssen gemeinsam bewältigt werden, man muss ebenfalls darüber nachdenken, ob man den Kampf gegen den Terrorismus als Kriegsakt oder als Verbrechensbekämpfung sehen möchte. Um solchen Herausforderungen allerdings gewachsen sein zu können, müssen sich die Europäer ihrer eigenen Werte bewusst werden. Diese basieren auf eine gemeinsame christlich abendländische Kulturgemeinschaft, sie beziehen Demokratie, Freiheit und Toleranz mit ein. Zu dieser Toleranz gehört auch die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Ist man sich seiner eigenen Identität und seinen eigenen Werten bewusst, so kann man auch die einer anderen Kultur­ oder Religionsgemeinschaft anerkennen und muss sich nicht vor einer „Islamisierung des Abendlandes“ fürchten. Es sind nicht nur die Wurzeln, die sich in der christlich abendländischen Kulturgemeinschaft manifestieren, sondern es ist auch ein Willensakt. Man muss sich dazu entscheiden ein Europäer zu sein.

Nach dem Vortrag Herrn Voß wurde der zweite Teil des Seminars eingeleitet, welcher in der tschechischen Stadt Pilsen stattfinden sollte. Dort wurde der restliche Tag mit einem Besuch in der Brauerei „Pilsner Urquell“ und einem landestypischen Abendessen mit paneuropäischem Beisammensein begangen.

Der Sonntagmorgen wurde dann durch ein festliches Pontifikalamt in der Kathedrale St. Bartholomäus eingeläutet. Die Messe wurde von Bischof František Radkovský durchgehend sowohl auf tschechischer, als auch auf deutscher Sprache zelebriert. Der Bischof ging während des Gottesdienstes immer wieder auf die paneuropäischen Ideen ein und begrüßte diese mit Nachdruck. Nach der Messe versammelten sich alle für das paneuropäische Symposium, welches sich dieses Mal mit dem Werk „Die Europäische Nation“ (1953) von Coudenhove­Kalergi auseinandersetzte. Als Moderator fungierte der Landesvorsitzende der PEJ Bayern, Christian Hoferer. Benedikt Praxenthaler, Mitglied des Bundesvorstands der Paneuropa­Union Deutschland, ging einleitend auf den Zusammenhang zwischen der europäischen Identität und der aktuellen Flüchtlingswelle ein. Er sei der Überzeugung, dass es einer Gesellschaft leichter falle, Menschen aus anderen Kulturen aufzunehmen, wenn sie um ihre eigene Identität wisse. Bernd Posselt, Präsident der Paneuropa-Union Deutschland, befasste sich im Anschluss daran zuerst mit der interessanten Identität Coudenhove-­Kalergis, dessen Mutter Japanerin gewesen ist und dessen Verwandte aus unterschiedlichen europäischen Gebieten stammten. Bernd Posselts These lautet, dass sich vor allem Menschen mit mehreren und schwer überschaubaren Wurzeln für Identitäten interessieren würden. Auch er selbst hätte eine komplizierte Identität. Seine Vorfahren würden alle aus dem ehemaligen Österreichisch­Ungarischen­Königreich stammen, und dennoch hätten sich einige als Deutsche, andere als Tschechen und wieder andere als Slowaken identifiziert. Diese Sichtweise auf die eigene Identität entspränge nur ihrer eigenen Muttersprache, hätte man sie allerdings nach ihrer Heimat gefragt, dann hätte man andere Antworten, wie beispielsweise Böhmen, erhalten. „Deutsch“ war lediglich eine der vielen verschiedenen Sprachbezeichnungen des Heiligen Römischen Reiches, dessen Namenszusatz „deutscher Nation“ erst in der Epoche der Frühen Neuzeit hinzugekommen ist. Blickt man allerdings auf die sogenannte Nationalstaatswerdung Deutschlands 1871, dann muss man erkennen, dass diese eigentlich mit der ersten deutschen Teilung einherging. Bismarck forcierte die sogenannte „Kleindeutsche Lösung“ ohne Österreich und versuchte aus machtpolitischen Gründen dem österreichisch­preußische Konkurrenzkampf im Deutsch-Deutschen Krieg 1866 ein Ende zu setzen. Aufgrund des preußischen Sieges setzte sich seine Idee auch durch und Deutschland wurde letztendlich ohne Österreich gegründet, sodass diese sprachliche Einheit nicht zu einem Nationalstaat wurde. Hier zeichnet sich also wieder der Konstruktcharakter der Nationalstaaten ab, deren Grenzen willkürlich gezogen und durch Kriege verändert wurden. Die Kleindeutsche Lösung wurde allerdings auch von Zeitgenossen nicht kritiklos hingenommen. Der niedersächsische Historiker Orno Klopp zog aus Protest nach Wien, um seine Kritik verdeutlichen zu können und wurde dort Erzieher des Prinzen. Auch Konstantin Franz bemängelte die Trennung der deutschen Sprachgemeinschaft und drückte seine Zweifel über die Größe des deutschen Nationalstaates aus. Laut ihm, sei der Staat zu klein um Europa zu kontrollieren, gleichzeitig aber zu groß, um nicht bei den anderen Staaten Missfallen zu erregen. Er forderte eine föderalistisch organisierte Regierung und verneinte damit eine Zentralisierung. Bernd Posselt fordert hierbei Sensibilität im Umgang mit anderen europäischen Staaten. In eigenem Interesse solle Deutschland diplomatisch auf die anderen Nationen zugehen und sich selbst zurücknehmen, um ihnen das Gefühl des Mitspracherechts und des Respekts zu geben. Hierbei handelt es sich keineswegs um Servilität, es nutzt Deutschlands nichts die anderen Länder gegen sich aufzubringen. Deutschland war schon immer ein Land der Mitte, von vielen Nachbarn umgeben und somit in der Rolle des Vermittlers zwischen den germanischen, romanischen und slawischen Völkern. Für die Annahme der heutigen Herausforderungen und das Zusammen der Europäischen Union ist es elementar, keinem unverbindlichen Weltkulturalismus anzuhängen. Damit ist eine Art Pseudo­Kultur, auf Grundlage der Verständigung auf niedrigstem Niveau, gemeint. Eine Renationalisierung ist ebenfalls kontraproduktiv, da die Herausforderungen gemeinsam angegangen werden müssen und somit die Belebung einer europäischen Identität im Vordergrund stehen sollte. Diese darf allerdings nicht abgeschlossen von anderen Einflüssen gesehen werden, sondern Weltoffenheit sollte angestrebt werden. Europa habe sich schon immer von anderen Kulturen beeinflussen lassen und sich die fortschrittlichsten Dinge zu eigen gemacht. Als Beispiel kann die Schrift ­ aus der phönizischen Kultur entnommen ­ genannt werden. Gewarnt werden soll auch vor Bewegungen, wie PEGIDA, die sich auf pseudo­christliche und pseudo-europäische Werte berufen, um gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ zu wettern. Problematisch ist es, wenn Flüchtlinge auf verunsicherte Menschen stoßen, welche keine eigene Identität aufweisen können. Dann werden gerne die eigenen Schwächen, wie fehlender Glaube und Identität, sowie eigene Kinderlosigkeit auf andere Menschen abgewälzt, die ihren Glauben leben und Kinder bekommen. Wenn man sich der eigenen Identität allerdings bewusst ist und sie selbstbewusst lebt, dann gelingt auch die Integration von Menschen aus anderen Kultur­ und Religionsgemeinschaften. Dies kann dann eine gegenseitige Bereicherung bedeuten. Diese europäische Identität setzt sich aus drei Komponenten zusammen: die gemeinsamen Wurzeln (Geschichte und Kultur), die Bewältigung der Gegenwart und die Utopie (gemeinsame Zukunftsvision).