Die Macht der Worte

Gedanken zu Europa (August 2017)

Von Josef Zahner

Heimat, Volk, Patriotismus, Identität – diese Begriffe, welche vor einigen Jahren noch zum regulären politischen Sprachgebrauch zählten, sind zunehmend mit einem negativen Beigeschmack verbunden und werden folglich im öffentlichen Diskurs gemieden. Bei der Suche nach den Verursachern dieses Phänomens kann man exemplarisch die Gruppe der sogenannten „Patriotischen Europäer“ nennen, die in Dresden „gegen die Islamisierung des Abendlandes“ ankämpfen. Unter diesem heroisch klingenden Namen versammelt sich jeden Montag eine kleine Gruppe älterer Menschen, die sich vehement gegen die Globalisierung und den damit verbundenen Fortschritt stellt, indem sie sich an den Nationalstaat als Garant für Wärme in Zeiten von Krisen und sozialer Kälte klammert.

Eines ähnlichen Vokabulars bedient sich auch die „Identitäre Bewegung“, die mit ihrem Leitspruch „Heimat – Freiheit – Tradition“ drei Werte aufzählt, die angeblich auch nur in einem straken Nationalstaat gegen Verfremdung geschützt werden können. Dieser Missbrauch identitätsstiftender Sprache durch völkische Extremisten zeitigt zwei Folgen: Erstens sind die eben genannten Begriffe für den normalen politischen Gebrauch kontaminiert, so dass häufig das passende Vokabular fehlt um ein Heimatbewusstsein zu beschreiben ohne sich vermeintlich neurechten Denkweisen zu verschreiben. Zweitens wird eine breite Masse von diesem perfiden Spiel mit Emotionen geblendet und politisch irregeführt, da schließlich jeder Mensch das Bedürfnis hat, sich beheimatet zu fühlen, stolz auf seine Herkunft zu sein und infolgedessen auch ein „Wir-Gefühl“ mit gleichgesinnten zu entwickeln. Problematisch ist jedoch, dass es durch den Alleinbenutzungsanspruch rechter Bewegungen zu einer Verklärung und Ideologisierung der Begriffe kommt. Trotz der versuchten neurechten Vereinnahmung sollte man diese Worte nicht einfach als unbrauchbar, anachronistisch und überholt abstempeln. Aufgabe aller überzeugten Europäer sollte es vielmehr sein, die Geschichte und Bedeutung dieser Begriffen zu hinterfragen, um sie zeitgemäß und positiv aus einer europäischen Perspektive mit neuem Leben zu füllen.

Das Wort „Heimat“ etwa besitzt zahlreiche Bedeutungsfacetten, so dass es schwierig ist, eine für alle zutreffende Definition zu finden. Die meisten Menschen verbinden mit Heimat einen Ort der Geborgenheit und Sicherheit, an dem sie aufwuchsen, der sie prägte. Daraus resultiert ein Gefühl von Zugehörigkeit. ‚Heimatforscher’ haben dieses klassische Verständnis von Heimat schon lange erweitert, indem man zeigte, dass der persönlichen Heimatbezug sehr subjektiv ist; schließlich ist das Gefühl von Beheimatung an die Familie, das Elternhaus oder einzelne Orte geknüpft, mit denen man prägende Erlebnisse verbindet. Aufgrund zunehmender Globalisierung, Flexibilität und der damit verbundenen Anonymisierung möchten sich viele Menschen auch in fremden Umgebungen heimisch fühlen. Die wachsende Zahl von „Weltbürgern“ teilt die Meinung, dass man weltweit heimisch sein könne. ‚Heimatforscher’ sind der Ansicht, dass der Erfolg des Vorhabens, sich seine Heimat selbst zu schaffen, maßgeblich von der „geistigen Heimat“ abhängt.

Der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt strukturiert diesen Begriff der „geistigen Heimat“ ohne Raumbezug durch drei Ebenen: Die erste Ebene ist die Dimension der gemeinsamen Interessen der Sozialverbände, deren Mitglied man ist. Die zweite Ebene stellt die Religion dar, der man angehört, und die dritte Ebene bildet die Kultur des Individuums ab. Wendet man das Konzept der „geistigen Heimat“ nun auf die Bürger Europas an, wird deutlich, dass alle Europäer eine ähnliche „Heimat“ besitzen. So kann Europa als Heimat eine verbindende Rolle zwischen den Völkern Europas übernehmen, anstatt sie untereinander abzugrenzen.

„Volk“ wiederum ist ein ähnlich oft missbrauchter Begriff. Im Sprachgebrauch der Neuen Rechten wird versucht, das Volk als homogene Gemeinschaft zu beschreiben, die durch eine gemeinsame Abstammung verbunden ist. Jedoch wird bei einem Blick auf die Geschichte ersichtlich, dass die Homogenität durch „gemeinsames Blut“ ein Ideal nationalstaatlicher Konzepte des 19. Jahrhunderts und keinesfalls ein Naturzustand ist. Die Habsburger Vielvölkermonarchie verband etliche europäischen Ethnien mit zehn verschiedenen Sprachen und allen monotheistischen Religionen zu einem gemeinsamen Reich, welches in seiner Blütezeit einen enormen kulturellen und wirtschaftlichen Fortschritt erlebte. Das aufstrebende Gedankengut des Nationalismus zerstörte jedoch diesen erfolgreichen heterogenen Zusammenschluss und stürzte Europa in die Schrecken des Ersten Weltkrieges. Im weiteren Verlauf wurde der Begriff des Volkes im Nationalsozialismus von der Rassenideologie her verstanden. In der Funktion des Volkes als rassistische Trennlinie wurde durch Exklusion von „Gemeinschaftsfremden“ versucht, eine rassisch homogene Gemeinschaft zu errichten.

Trotz dieser menschenverachtenden Traditionsgeschichte überlebte die „Volksgemeinschaft“ noch bis in die späte Nachkriegszeit als vermeintlich unideologischer und emotional positiv besetzter Begriff. Hierauf berufen sich heute völkische Radikale, die das Gemeinschaftsgefühl mit einer Abgrenzung von anderen kulturellen Gruppen verbinden. Um den Begriff „Volk“ zukunftsweisend zu besetzen, könnte man sich deshalb auf die Vielfalt berufen, die im K.u.K.-Vielvölkerstaat zu finden war, um hieran anknüpfend als freie europäische Völker eine gemeinsame Identität zu bilden und so auch einen gesunden europäischen Patriotismus zu entwickeln. Warum sollte man schließlich nur auf die nationalen Errungenschaften stolz sein, wenn doch Europa als Ganzes die Wiege der westlichen Kultur darstellt?

Eine solche Wiedergewinnung der Deutungshoheit über identitätsstiftende Sprache kann maßgeblich dazu beitragen ein positives europäisches Selbstbewusstsein zu entwickeln, das den Bürgern eine nicht nur politisch-administrative, sondern auch emotional-identitäre Bindung zu Europa ermöglicht.