Ad fontes – Italien, Deutschland und die EU

Gedanken zu Europa (März 2018)

Von Elena Luckhardt

Noch im vergangenen Jahr feierten wir in der EU das 60-jährige Jubiläum der Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25. März 1957. Wie geht es nach diesen Feierlichkeiten weiter mit Italien und der Europäischen Union?

Auch mit der Paneuropa-Jugend Deutschland gedachten wir der Römischen Verträge als Grundsteinlegung für die heutige EU und besuchten deswegen im Juni 2017 den Ort des Geschehens: den Konservatorenpalast auf dem Kapitol in Rom. Diesen Besuch verbanden wir mit einer mehrtägigen Studienreise nach Rom. Dabei interessierten uns nicht nur die aktuelle EU und das aktuelle Italien, sondern auch deren Ursprünge, die in Rom in den Relikten der Antike – insbesondere der Römischen Republik, der res publica, und denen der römischen Kaiserzeit – allgegenwärtig sind. Aber nicht nur die wirtschaftlichen und historischen Entwicklungen faszinierten uns, sondern auch die italienische Lebensart, die wir dort hautnah miterlebten.

Wer weiß, ob dies ohne die Römischen Verträge in dieser Weise möglich gewesen wäre. Deren Unterzeichnung durch Vertreter der Regierungen von Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und Italien bedeutete einen großen Schritt für das weitere Zusammenwachsen Europas, beinhalteten sie doch die Verträge zur Gründung sowohl der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, der EWG, als auch der Europäischen Atomgemeinschaft, der EAG. Gemeinsam mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, der EGKS, bildeten die Römischen Verträge zunächst das wirtschaftliche Fundament für die Europäische Union. 1985 folgte das Schengener Abkommen, das die Binnengrenzen zwischen den beteiligten Ländern öffnete. Im Jahr 1992 wurde schließlich mit dem Vertrag von Maastricht die Europäische Union gegründet, die am 1. November 1993 in Kraft trat und aktuell nach mehreren Erweiterungen 28 Mitgliedsstaaten zählt.

Europa ist aber weit mehr als die bloße Wirtschaftskraft seiner Mitgliedsstaaten. Mit dem Ort Rom und dem Kapitol wurde bereits bei den Römischen Verträgen ein Zeichen dafür gesetzt, dass Europa eine gemeinsame Kultur hat und sich auf eine lange gemeinsame Geschichte berufen kann. Nicht zuletzt wird das Römische Imperium gerne als Vorläufer der aktuellen EU gesehen. So ist es nicht verwunderlich, dass man ad fontes, zu den Ursprüngen ging, um an diese historischen Wurzeln anzuknüpfen.

Was die gemeinsame Kultur betrifft, so profitieren insbesondere Italien und Deutschland bereits seit den 1950er Jahren voneinander. Zu dieser Zeit strömten die ersten italienischen Gastarbeiter nach Deutschland – zum wirtschaftlichen Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, nachdem am 20. Dezember 1955 das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien geschlossen worden war. Von da an importierten die Italiener ihre Lebensart und die „Dolce Vita“ nach Deutschland. In der Geschichte hatten die Italiener einen großen Einfluss insbesondere auf die Entwicklung der Kunst und Bauweise, heutzutage sind insbesondere Mode, Design und die Gastronomie in Deutschland zu nennen. Auf Letztere übten die Italiener seit den 1950er Jahren einen besonders großen Einfluss aus, von dem wir noch heute profitieren. Wer könnte sich noch ein Leben ohne Pizza und Pasta vorstellen?

Heutzutage lebt bereits die zweite und dritte Generation der Nachkommen von den Gastarbeitern in Deutschland, und insgesamt wohnen in Deutschland insgesamt knapp 800.000 migrierte Italiener oder „Italo-Deutsche“, deren Eltern oder Großeltern bereits nach Deutschland gekommen waren.

Deutschland ist aber nicht nur als Wirtschafts- sondern auch als Wissenschaftsstandort bei den Italienern beliebt. Die Zahlen von derzeit über 8.000 italienischen Studierenden aller Fachbereiche in Deutschland sprechen hier für sich, und Deutschland belegt den vierten Platz der beliebtesten Zielländer für italienische Studierende. Neben den Studierenden ist auch die Anzahl der italienischen Wissenschaftler an deutschen Universitäten in den vergangenen Jahren gestiegen und beträgt knapp 3.000.

Wie sieht es auf der anderen Seite mit den Deutschen in Italien aus? Hier lässt sich sagen, dass es in etwa 37.000 deutsche Staatsbürger mit italienischem Wohnsitz gibt, von denen fast doppelt so viele Frauen sind wie Männer. Insbesondere die Regionen Lombardei, Südtirol, die Toskana und Lazium mit Rom und seinen deutschen Instituten haben es den Deutschen angetan. Bei den deutschen Studierenden belegt Italien mit seit 14 Jahren konstant etwa 1.500 Studierenden im italienischen Ausland den 13. Platz der auswärtigen Studienländer.

Zuletzt bereitete sich Italien auf die vorgezogenen Parlamentswahlen vor, nachdem bereits am 28. Dezember 2017 von Staatspräsident Mattarella das Dekret zur Auflösung der beiden Kammern des italienischen Parlaments unterzeichnet und der Wahltermin festgesetzt worden war. Noch als der Ausgang der Wahl zwar ungewiss war, aber bereits von Experten vermutet wurde, dass die Euro-skeptischen Parteien erfolgreich sein würden, machten sich die drohenden Gefahren an der Börse bemerkbar. Dass Italien ein wichtiger Pfeiler der EU ist, zeigt die Unterstützung Deutschlands und Frankreichs. So machten Angela Merkel und Emmanuel Macron vor dem Urnengang beim EU-Gipfel in Brüssel ihre Auftakterklärung gemeinsam mit dem italienischen Regierungschef Paolo Gentiloni.

Dies zeigt, wie wichtig Italien, das Land, aus dem ein Großteil unser europäischen Kultur stammt, für die EU heutzutage ist und wie dringlich und wichtig gute Beziehungen der europäischen Länder untereinander sind. Die Gastarbeiter haben es vorgemacht, und die italienischen Studierenden in Deutschland wie auch die deutschen Studierenden in Italien praktizieren es heute umso mehr: ein gelebtes, zusammengewachsenes Europa mit (noch) offenen Grenzen. Dies wird als Selbstverständlichkeit gesehen, aber es ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Errungenschaft, die lange Jahre für ihre Entwicklung bis zum status quo benötigt hat. Die solide Existenz und Offenheit Europas werden sich in den kommenden Jahren gerade in Hinblick auf die erstarkenden europaskeptischen und populistischen Parteien unter Beweis stellen müssen.